Meine Zeit in Rastenberg

Mein Name ist Abir und ich bin 14 Jahre alt. Ich komme aus Syrien und lebte mit meiner Familie, das sind Mama, Papa und meine 3 Geschwister, in Damaskus.
Weil der Bürgerkrieg 2012 immer weiter fortschreitet, entschloss sich meine Familie zur Flucht in den Irak. Dort lebten wir 3 Jahre. Die Lebensbedingungen waren schlecht, es gab nur dreckiges Wasser, wovon wir ständig krank wurden.
Mein Vater hatte Geld für die Flucht nach Deutschland gespart, allerdings reichte dies nur für eine Person. Weil mein Vater das Geld für die Familie verdiente und meine Mutter sich um die Kinder kümmerte, habe ich vorgeschlagen, dass ich mich auf die Reise nach Deutschland begebe. Ich erinnere mich genau an den Tag, es war der letzte Tag vom Ramadan 2015.
Ich reiste mit jungen Männern über Ungarn und Österreich bis nach München. Die Flucht dauerte insgesamt etwa einen Monat und war sehr gefährlich: wir durchquerten Wälder und Flüsse, hatten nur wenig zu essen dabei und mussten uns verstecken. Ich hatte oft Angst und dachte ich würde es bis Deutschland nicht überleben.
Von München wurde ich nach Suhl geschickt und dort in Obhut genommen. Das Jugendamt brachte mich nach Rastenberg ins Franziskushaus der Stiftung Finneck. Dort lebe ich nun seit dem 29.09.2015.
Im Franziskushaus hatte ich viele Höhen und Tiefen. Ich habe meine Familie so schrecklich vermisst. Oft habe ich mir gewünscht, meine Sachen zu packen und wieder zurück zu gehen, aber dann wäre alles für umsonst gewesen. Mein größter Wunsch war es, gemeinsam mit meiner Familie in Deutschland zu leben.
Meine Mama und mein Papa wollen hier arbeiten. Mein Papa ist Taxifahrer und meine Mama Kosmetikerin. In Syrien und im Irak gab es keine Arbeit mehr für meine Eltern. Die schlimmste Zeit für mich war, als meine Eltern planten über das Mittelmeer zu mir nach Deutschland zu kommen. Ich kannte die ganzen schlimmen Nachrichten aus dem Fernsehen und hatte große Angst um meine Familie. Zum Glück konnten sie sich diese Idee wieder aus dem Kopf schlagen!
Es gab auch viele gute Zeiten in Rastenberg: ich habe sehr schnell Deutsch gelernt, bin fleißig in der Schule und habe einige gute Freunde hier gefunden. Meine Erzieherin Frau Scholz mochte ich sehr. Außerdem habe ich gelernt zu schwimmen und habe schöne Ferienfahrten mit dem Heim erlebt. Ich habe mich gut mit deutschen Werten und Normen zurecht gefunden und im Mai diesen Jahres sogar an der Jugendweihe teilgenommen. Nur mit deutschem Essen hatte ich so meine Probleme, es war eine große Umstellung für mich!
Das Franziskushaus hat mir geholfen, erwachsen und selbstständig zu werden. Ich habe gelernt, geduldig zu sein, denn es war nicht möglich, meine Eltern von heut auf morgen zu mir zu holen.
Aber am 6. Juli 2017 war es so weit. Frau Scholz und ich fuhren nach Friedland, denn meine Eltern sind vor ein paar Tagen dort angekommen. Über 2 Jahre vergingen, seit ich meine Mutter das letzte Mal in den Arm nehmen konnte! Ich war so unbeschreiblich glücklich und wollte sie nicht mehr los lassen! Meine kleine Schwester ist so groß geworden, sie war 2 Jahre alt, als ich vom Irak fort ging. Im Laufe der Sommerferien werden meine Eltern wahrscheinlich eine Wohnung in Bayern beziehen und ich werde Rastenberg verlassen. Schade, denn ich wäre gern weiter in Buttstädt zur Schule gegangen und muss nun auch meine Freunde zurück lassen. So ganz geklärt ist das aber noch nicht.
Ich bin dankbar für die Zeit und werde meine Erzieher und Freunde in Rastenberg und Buttstädt auf alle Fälle besuchen, falls ich doch nach Bayern ziehen werde!

Abir